Gier wird sowieso vorausgesetzt
Alissa Ganijewa scheut in ihrem Roman über einen provinziellen Sündenpfuhl keine Kolportage
Von Jörg Plath

Mehrfach ausgezeichnet: Alissa Gantijewa schreibt ausgesprochen schwungvoll. Ullstein
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Das gute Landleben hat in Russlands Literatur weniger Fürsprecher als die schlechte Provinz Verächter. Zu Letzteren gesellt sich Alissa Ganijewa mit dem Roman „Verletzte Gefühle“ über einen provinziellen Sündenpfuhl. Die Bewohner der namenlosen Stadt, ob Gouverneur, Unternehmerin, Staatsanwalt, Schuldirektorin, Ministeriumsangestellte, Geheimdienstler oder Journalist, haben nur das eigene Wohlergehen im Sinn. Sie prostituieren sich oder gehen über Leichen. Letztlich nimmt sich beides wenig: „Die Ejakulationsgeschwindigkeit beträgt 50 km/h“, die Kugel im Lauf der Pistole ist etwas schneller.

Ganijewa nimmt sich ihr Personal, das durch verletzte Gefühle und dunkle Geheimnisse, vor allem aber durch Gier und Hass miteinander verbandelt ist, in Paaren oder Dreiergruppen vor. Im Nieselregen stolpert ein Fremder auf Nikolajs Auto zu und lässt sich in den Fond fallen. Der Mann hat Angst und Autorität, er ist Minister für Regionalentwicklung, wie Nikolaj später erfahren wird. Aus dem Wagen werfen lässt er sich nicht, befiehlt stattdessen, ihn herumzufahren. Als der Wagen Stunden später in einem gewaltigen Schlagloch stecken bleibt, ist der Mann tot. Am nächsten Tag kommt Nikolaj um: Hilflos in einem weiteren Schlagloch steckend, wird er von einem Lkw überrollt. Mit einem Doppelmord an zwei eben erst vorgestellten Personen lässt Ganijewa ihren Provinzreigen beginnen und verstößt damit gegen sämtliche Erzählkonventionen. Leider bleibt es ihre einzige gute Autorinnentat.

Die schicksalhaft löchrige Straße ist erst vor einem Jahr teuer von der Firma einer reichen und schönen Bauunternehmerin saniert worden. Der Minister, der ihr den Auftrag zuschusterte, hätte zu Lebzeiten über den Pfusch hinweggesehen. Denn die Bauunternehmerin war seine Geliebte – oder er war ihr Geliebter, wer weiß das schon? Beide Seiten profitierten vom Hin und Her der Tauschmittel Geld und Sex.



Der Tod des Ministers verändert das Macht-, Protektions- und Korruptionsgefüge der Stadt empfindlich. Die Bauunternehmerin stellt ihren von Hyaluron- und anderen Spritzen gestrafften Körper notgedrungen dem Staatsanwalt zur Verfügung, auf dass die Aufträge wieder fließen und die Grundstücke lukrativ den Besitzer wechseln. Die Witwe des Ministers, eine Schuldirektorin, muss sich nun gegen durchaus zutreffende Vorwürfe wehren, sie habe Gehälter und Prämien für nichtexistente Lehrer kassiert. Ein Journalist gräbt so lange genüsslich im Sumpf, bis es sich für ihn auszahlt. Eine einsame, esoterische Ministeriumsangestellte fällt auf einen schneidigen Geheimdienstler herein, dessen Folterkünste dem Geben und Nehmen von Geld, Schönheit und Sekret notfalls die nötige Geschmeidigkeit verleihen. Alissa Ganijewa scheut keine Kolportage.

Die 1985 in Moskau geborene Schriftstellerin und Literaturkritikerin wuchs in der Kaukasusrepublik Dagestan auf, lebt inzwischen in Moskau und schreibt ausgesprochen schwungvoll. Ihre bisherigen Veröffentlichungen („Salam, Dalgat“, „Die russische Mauer“, „Eine Liebe im Kaukasus“) erregten mit den bissigen Schilderungen des Verhältnisses zwischen Dagestan und Moskau Aufsehen. „Letzte Gefühle“ spielt jedoch ausschließlich in einer russischen Provinzstadt, weshalb die obligatorischen Anspielungen auf Gogols „Revisor“ und die Potemkinschen Dörfer nicht fehlen dürfen.

Trotz der meist drastischen Ereignisse ermüdet der Roman ein wenig. Das liegt zum einen an der ungelenken, offenbar unlektorierten Übersetzung, die manche Dialoge zur Qual und manche Äußerung zum Rätsel macht: „Ich habe der Tochter versprochen, gemeinsam zu essen“, „Ich stelle uns einen Tee zu“, ein Anblick „ verdrehte den Durchsuchungszeugen die Augen in ihren Visagen“, „Die Fülle der Wurst färbte sich beim Anschnitt blutrot“.

Zum anderen ist die Zeichnung der Figuren ausgesprochen eindimensional: Sie unterliegen der Diktatur weiblicher beziehungsweise männlicher Hormone, Gier wird sowieso vorausgesetzt. Warum der Minister für Regionalentwicklung zu Beginn stirbt, verliert Ganijewa aus den Augen, ebenso wie die Korruption. Geschichtsrevisionismus rückt in den Vordergrund: Der Hitler-Stalin-Pakt wird gelobt und die Werte der Familie geehrt durch ein Denkmal für Peter und Fewronija, bekannt durch Hurerei mit Drachen und Betrug. Der Roman könnte wohl in immer neuen Wendungen noch einige hundert Seiten so ziellos weitergehen.

Alissa Ganijewa: „Verletzte Gefühle“. Roman. Aus dem Russischen von Johannes Eigner. Wieser Verlag, Klagenfurt 2021. 252 S., geb., 21,– Euro.